Denkzeit: Zwischen Mutterschaft und Demokratie

Shownotes

Denkzeit: Zwischen Mutterschaft und Demokratie

Ich sitze da. Es ist still. Meine Tochter schläft, mein Sohn ist in der Spielgruppe. Ich habe jetzt genau eine Stunde, vielleicht sogar mehr, um aufzuräumen. Nicht die Wohnung, sondern meinen Kopf. Ich nenne das meine Denkzeit – die Zeit zwischen Ruhe und Chaos. Mein Versuch, wieder Ordnung in das Chaos aus Terminen, Emotionen und Gedanken zu bringen.

Ich bin vieles gleichzeitig: Mutter, Ehefrau, Berufstätige, Vereinsmitglied. Und irgendwo dazwischen bin ich auch noch ich, mit all meinen Fragen, meinen Überzeugungen und meiner Geschichte. Manchmal frage ich mich: Wann bleibt eigentlich die Zeit, einfach nur Mensch zu sein?

Ich arbeite 75 Prozent, habe zwei kleine Kinder und schlafe zu wenig. Nicht nur wegen der Kinder, sondern weil ich das Gefühl habe, ich müsste mehr schaffen. Und trotzdem spüre ich immer wieder: Ich will nicht einfach funktionieren. Ich will gestalten, ich will mich einmischen.

Die Welt, in der ich lebe, verändert sich. Deutschland verändert sich. Und nicht immer in eine Richtung, die mir gefällt. Politisch, gesellschaftlich. Ich sehe Spaltungen, auch auf der Arbeit. Spaltungen, wo eigentlich Brücken sein sollten. Ich höre Schlagzeilen, die lauter sind als die Menschen, um die es darin geht. Ich sehe, wie schnell geurteilt wird und wie langsam verstanden.

Und trotzdem glaube ich: Demokratie ist kein Zustand. Demokratie ist ein täglicher Akt der Verantwortung.

Sie lebt davon, dass Menschen sich nicht abwenden, sondern zuhören. Nicht hetzen, sondern sprechen. Nicht schweigen, wenn etwas schiefläuft. Denn das Wort Nie wieder gilt nicht nur für manche, es gilt für alle. Oder es verliert seine Bedeutung.

Ich versuche, diese Gedanken in mein Leben hineinzutragen, auch in die kleinen Dinge. Ich schreibe Projekte, ich organisiere Sprachcafés, ich bin im Verein. Ich bin überall ein bisschen. Nicht, weil ich nicht wüsste, wohin ich gehöre – ich weiß schon, wohin ich gehöre. Ich gehöre dahin, wo ich Brücken bauen kann. Weil ich Brücken bauen liebe, weil ich glaube, dass Dialog stärker ist als jede Grenze.

Letzte Woche war ich in einem anatolischen Tanzverein. Türkische Folklore, traditionelle Tänze, Musik, Rhythmus. Und während ich mittendrin tanze, denke ich: Ich bin nicht nur hier, um zu tanzen. Ich bin hier, um zu zeigen, dass ich frei tanze, dass ich keine unterdrückte Frau bin, dass ich gleichzeitig lachen, denken und zweifeln darf.

Zwischen all diesen Projekten sehe ich Gesichter. Menschen, die geflohen sind, die Schutz suchen, die hier ankommen wollen. Ich sehe, wie sie sich bemühen, die Sprache zu lernen, wie sie im Sprachcafé sitzen – schüchtern, aber mit Hoffnung. Wie sie Deutsch sprechen wollen, um einfach gehört zu werden.

Und dann sehe ich die Kinder. Kinder aus geflüchteten Familien, die im Leseclub sitzen, lachen, lesen, experimentieren und träumen. Sie haben Potenzial, Wünsche, dieses Leuchten in den Augen, das sagt: Ich will dazugehören, ich will lernen, ich will etwas bewegen.

Diese Kinder wissen oft schon mehr über das Leben als mancher Erwachsener, weil sie die Reise hinter sich haben, weil sie gesehen haben, was Angst ist, weil sie wissen, wie viel Mut es kostet, neu anzufangen.

Und trotzdem werden sie, wie ihre Eltern, so oft missverstanden. Wenn über Migration gesprochen wird, dann wird über sie gesprochen, nicht mit ihnen. Sie werden in Schlagzeilen gepresst, in Statistiken und in Klischees. Es regt mich einfach nur noch auf.

Wenn man ihnen zuhört, wenn man sie sprechen lässt, dann merkt man: Das ist kein Nichtwollen. Das ist ganz viel Wollen, ganz viel Herz und ganz viel Hoffnung.

Ich sehe, wie unterschiedlich die Maßstäbe sind. Wie ein ukrainischer Geflüchteter jederzeit in seine Heimat reisen darf, um seine Familie zu sehen, und ein syrischer Geflüchteter das seit Jahren nicht darf, weil das System es nicht zulässt. Ich denke: Wie kann man Menschen gleich behandeln, wenn man ihnen so ungleiche Möglichkeiten gibt?

Ich verstehe, dass Politik kompliziert ist, aber Menschlichkeit darf es doch nicht sein.

Ich sage das nicht aus Wut, ich sage das aus Verantwortung. Weil ich sehe, was in Vereinen, in Schulen, in Familien möglich ist, wenn man einfach mal zuhört, wenn man den Menschen ein Mikrofon hinhält, wenn man sie fragt: Was brauchst du? Was fühlst du?

Dann entsteht etwas. Dann entsteht Verbindung.

Das ist der Grund, warum ich mich engagiere, warum ich zu wenig schlafe, warum ich zu viele Ideen habe und trotzdem weitermache. Weil ich an die Menschen glaube, weil ich an Dialog glaube, weil ich an ein Deutschland glaube, das nicht Angst hat vor Vielfalt, sondern begreift, dass Vielfalt seine größte Stärke ist.

Vielleicht sitze ich in einer kleinen Stadt, vielleicht habe ich nur eine Stunde am Tag, vielleicht hört mir nur eine Handvoll Menschen zu. Aber genau da beginnt doch Veränderung. Veränderung beginnt nicht auf den Bühnen. Sie beginnt an den Küchentischen, in den Sprachcafés, in den Tanzvereinen, in den Köpfen von Menschen, die sich weigern, Gleichgültigkeit zu akzeptieren.

Ich sitze da. Zwischen Mutterschaft und Demokratie. Zwischen Müdigkeit und Hoffnung. Zwischen Pflichtgefühl und Leidenschaft. Und vielleicht ist das der wichtigste Ort, an dem man sitzen kann, wenn man etwas bewegen will.

Was mich jetzt auch interessieren würde, wäre die Frage: Wie viel Demokratie trägst du in deinem Alltag? Und wie viel Menschlichkeit lassen wir noch zu? Wo sitzt du, wenn du über die Welt nachdenkst?

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